21. September 2026

Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Und wie können wir gemeinsam dafür sorgen, dass Menschen sich begegnen, Verantwortung übernehmen und Zukunft mitgestalten?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Stadiongesprächs „Miteinander Zukunft gestalten“, zu dem die Stiftung Bürger für Bürger am 16. September 2026 in Kooperation mit der DFB-Stiftung Egidius Braun, der Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost und mit Unterstützung der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) sowie der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS in die Red Bull Arena nach Leipzig eingeladen hatte.

Deutlich wurde dabei: Sportvereine sind weit mehr als Orte für Training und Wettkampf. Sie schaffen Begegnungen, fördern demokratische Kompetenzen und bieten Menschen die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen. Doch damit Engagement seine Kraft entfalten kann, braucht es auch Wertschätzung, Unterstützung und Schutz.

Wo Menschen sich begegnen, wächst Zusammenhalt

Anlässlich der bundesweiten Woche des Bürgerschaftlichen Engagements, deren diesjähriges Motto „Miteinander Zukunft gestalten“ lautete, brachte das Stadiongespräch Menschen aus Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Sport zusammen. Gemeinsam diskutierten sie, wie Engagement den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken kann und welche Rahmenbedingungen es dafür braucht.

Bereits im Begrüßungstalk berichtete Aydan Özoğuz, Vorsitzende des Ausschusses für Sport und Ehrenamt im Deutschen Bundestag, von ihren persönlichen frühen Erfahrungen im Vereinssport. Sie schilderte Begegnungen mit Menschen, die zuvor kaum oder gar keinen Kontakt zu Personen mit Migrationsgeschichte hatten. Solche Erfahrungen machen deutlich, welches Potenzial im gemeinsamen Sporttreiben steckt: Wo Menschen ein gemeinsames Ziel verfolgen, können Vorurteile abgebaut und neue Verbindungen geschaffen werden.

Sport bringt Menschen zusammen, die sich im Alltag möglicherweise nie begegnet wären. Er schafft Gelegenheiten, einander kennenzulernen, Unterschiede auszuhalten und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Genau darin liegt eine seiner großen gesellschaftlichen Stärken.

Engagement, das über den Sport hinauswirkt

Wie aus Begegnungen echte Teilhabe und neue Perspektiven entstehen können, zeigte der Verein Athletic Sonnenberg e. V. aus Chemnitz. Der 2020 gegründete Verein verbindet Sport mit Sozialarbeit und versteht sich nicht nur als Sportstätte, sondern auch als Schutzraum für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Ziel ist es, Zusammenhalt, Integration und Inklusion aktiv zu fördern.

André Müller, hauptamtlicher Sozialarbeiter des Vereins, gab Einblicke in die praktische Arbeit. Besonders eindrücklich war die Geschichte eines Jungen mit Migrationshintergrund, dessen Interessen und Fähigkeiten durch die Unterstützung des Vereins auch über den Sport hinaus gestärkt wurden. Mit neuem Selbstvertrauen ließ er sich bereits nach kurzer Zeit zum Jugendschiedsrichter ausbilden.

Das Beispiel zeigt, was Engagement bewirken kann: Menschen entdecken ihre Stärken, übernehmen Verantwortung und trauen sich neue Aufgaben zu. Aus Teilnehmenden werden Mitgestaltende – und aus einem Sportverein wird ein Ort, an dem persönliche Entwicklung möglich ist. André Müller brachte es auf den Punkt:

„Fußball, wie jeder andere Sport auch, schafft Gemeinschaft.“

Auch die Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost setzt auf das Potenzial lokaler Initiativen. Sascha Suhrke von der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS stellte Projekte vor, die durch den Mikrofonds der Initiative gefördert werden. Sie verdeutlichen, wie wichtig es ist, Menschen vor Ort bei der Umsetzung ihrer Ideen zu unterstützen. Denn häufig sind es gerade kleine, lokal verankerte Projekte, die Begegnungen ermöglichen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt unmittelbar stärken.

Ehrenamt braucht Wertschätzung – nicht nur gute Worte

Doch Engagement entsteht nicht von allein. Vereine sind auf Menschen angewiesen, die ihre Zeit, ihre Fähigkeiten und ihre Energie einbringen. Damit diese Menschen langfristig dabeibleiben, brauchen sie Unterstützung und das Gefühl, dass ihr Einsatz gesehen und geschätzt wird.

Wie das gelingen kann, zeigten Alison Eriksen und Dr. Larissa Kuhn von der Beisheim Stiftung mit dem Programm „vereinsstark – Ehrenamtliche finden, binden, wertschätzen“.

Die Beisheim Stiftung hat den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu einem ihrer Schwerpunkte gemacht und vor zwei Jahren begonnen, das Ehrenamt im Sport gezielt in den Blick zu nehmen. Im Rahmen des Programms wurden acht Kreissportbünde in ländlicheren Landkreisen Ostdeutschlands angesprochen. In der Folge erhielten mehr als 200 Vereine Fördermittel zwischen 1.000 und 10.000 Euro.

Die Unterstützung kam auf ganz unterschiedliche Weise zum Einsatz, etwa für Fortbildungen und Qualifizierungen, gemeinsame Ausflüge und Dankesfeiern, Kleidung für Ehrenamtliche oder die technische Ausstattung der Vereine. Im Mittelpunkt stand dabei eine zentrale Frage: Wie können Vereine ihren Engagierten zeigen, dass ihr Einsatz wertvoll ist?

Denn Wertschätzung muss nicht immer groß oder teuer sein. Manchmal sind es die passende Ausstattung, eine gute Weiterbildung oder ein gemeinsamer Abend, die deutlich machen: Dein Einsatz zählt. Wer sich gesehen fühlt, kann Motivation und Freude am Engagement besser bewahren.

Vereine sind auch Orte gelebter Demokratie

Im anschließenden Podiumsgespräch diskutierten Aydan Özoğuz (Vorsitzende des Ausschusses für Sport und Ehrenamt im Deutschen Bundestag), Lena Bloemacher  (Vorständin der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt), Angela Papenburg (Vorständin der GP Günter Papenburg AG), Jörg Gernhardt (Vizepräsident des Sächsischen Fußballverbandes), und Tobias Duc Nam Vu (Gen Ost Jugendjury und East German Lions e. V.) darüber, wie Politik, Wirtschaft, Stiftungen und Zivilgesellschaft das Engagement in Sport und Gesellschaft gemeinsam stärken können.

Ein wichtiger Gedanke zog sich durch die Diskussion: Vereine sind nicht nur Orte des Sports, sondern auch Orte, an denen demokratisches Miteinander ganz praktisch eingeübt wird.

Hier treffen unterschiedliche Meinungen und Interessen aufeinander. Menschen diskutieren, hören einander zu, widersprechen, suchen Kompromisse und treffen gemeinsame Entscheidungen. Sie erleben, dass nicht immer alle einer Meinung sein müssen, um gemeinsam etwas zu erreichen.

Wer sich engagiert, Verantwortung übernimmt und einen Verein mitgestaltet, entwickelt dabei wichtige Fähigkeiten – etwa Teamgeist, Kommunikationsfähigkeit, Konfliktlösung und Organisationsgeschick. Diese sogenannten Soft Skills helfen nicht nur im Vereinsleben, sondern auch im Berufsalltag.

Darin liegt eine Chance für die Zusammenarbeit zwischen Vereinen und Unternehmen. Angela Papenburg betonte, dass der Mehrwert einer solchen Kooperation weit über ein Firmenlogo auf dem Trikot oder der Werbebande hinausgehen kann. Unternehmen profitieren von Menschen, die im Ehrenamt Verantwortung übernehmen und gelernt haben, im Team zu arbeiten. Gleichzeitig können sie die Fähigkeiten ihrer eigenen Mitarbeitenden stärker in den Blick nehmen und gezielt fördern.

Damit diese Zusammenarbeit gelingt, braucht es allerdings Offenheit für neue Wege. Gerade in Vereinen sind Strukturen oft über lange Zeit gewachsen und Veränderungen nicht immer leicht umzusetzen. Umso wichtiger ist es, bestehende Ansätze zu hinterfragen, neue Anreize zu schaffen und Kooperationen so zu gestalten, dass alle Beteiligten davon profitieren.

Tobias Duc Nam Vu plädierte zugleich dafür, dass Engagierte aktiver auf Politik und Wirtschaft zugehen. Entscheidend sei dabei aber auch, dass ihre Anliegen gehört und ernst genommen werden. Vertrauen und gegenseitiger Respekt bilden die Grundlage für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe – im Sport, im Ehrenamt und in der gesamten Gesellschaft.

Mehr Anerkennung – und mehr Schutz für Engagierte

Es zeigt sich: Vereine sind unverzichtbare Bestandteile des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass Engagement häufig unentgeltlich in der Freizeit verrichtet wird. Wichtig ist, dies ausreichend wertzuschätzen.

„Wir sollten häufiger über die gesellschaftliche Anerkennung des Ehrenamtes sprechen!“ (Jörg Gernhardt)

Aydan Özoğuz sprach sich dafür aus, dem Ehrenamt auch auf politischer Ebene mehr Wertschätzung entgegenzubringen – beispielsweise durch Preise und Auszeichnungen.

Neben den Chancen des Engagements kamen auch die Herausforderungen zur Sprache. Denn wer sich für andere einsetzt, übernimmt Verantwortung – und ist dabei nicht immer ausreichend geschützt.

Besonders besorgniserregend ist, dass Engagierte immer wieder auch eingeschüchtert oder sogar angegriffen werden. Wenn Menschen für ihren Einsatz Anfeindungen erleben, gefährdet das nicht nur ihr persönliches Engagement. Es schwächt auch die Strukturen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.

Deshalb braucht es neben Anerkennung und Förderung auch verlässliche Unterstützung und Schutz für diejenigen, die sich engagieren.

Zusammenhalt ist eine gemeinsame Aufgabe

Das Stadiongespräch hat gezeigt: Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht von allein. Er wächst dort, wo Menschen einander begegnen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam etwas bewegen. Sportvereine bieten dafür wichtige Räume. Sie eröffnen Chancen für persönliche Entwicklung, fördern demokratische Kompetenzen und schaffen Gemeinschaft über unterschiedliche Lebensrealitäten hinweg.

Damit sie diese Rolle dauerhaft erfüllen können, brauchen sie engagierte Menschen, verlässliche Förderung und Partner:innen, die ihren gesellschaftlichen Wert erkennen. Politik muss Engagement anerkennen und schützen, Unternehmen können neue Kooperationen ermöglichen, Stiftungen wichtige Impulse setzen und Vereine selbst Räume für Beteiligung und Mitgestaltung schaffen.

Denn Zukunft gestalten wir nicht allein, sondern miteinander.

Fotos: Sorn Patharakorn